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Der
Spiegel, 06.12.2004, Nr. 50, Seite 66
Deutschland
KRIMINALITÄT
Sicherheitsbericht warnt vor abgeschotteten Ethno-Clans
Blutige Selbstjustiz
Polizeiexperten warnen: Ethnisch abgeschottete Mafia-Clans
sind kaum noch zu durchdringen. Die Gerichte tragen Mitschuld.
Als Polizisten nach einem bewaffneten Überfall auf das "Casino
Berlin" Ende Februar die Täter überwältigt hatten,
blickten sie in vertraute Gesichter. Unter den drei äußerst
brutalen Räubern war der damals 20-jährige Aymen Z., Sohn des
Unterweltkönigs Mahmoud Z., genannt "der Präsident".
Der Senior ist oberste Instanz der Berliner Mhallamiye-Kurden,
die wegen zahlreicher Überfälle, wegen Drogenhandels,
Rotlichtkriminalität und Bedrohung von Zeugen berüchtigt
sind. Sohn Aymen ist der Polizei nicht nur aus 19 Strafverfahren
bekannt. Bei seiner Hochzeit mussten Beamte den Verkehr regeln, derart
groß war der Andrang der Gäste. Rund 60 000 Euro soll die
Party, so Ermittler, gekostet haben - dabei lebt die Familie des
Bräutigams offiziell seit je von Sozialhilfe.
Fast alle Versuche, verurteilte Mitglieder der Familie abzuschieben,
scheitern an ihrer ungeklärten Identität, Ermittlungen der
Polizei enden immer wieder an einer Mauer des Schweigens. Kein
Einzelfall: In Deutschland, so ein vertraulicher Expertenbericht
für die Innenministerkonferenz, haben sich kriminelle ethnische
Subkulturen derart abgeschottet, dass sie für die Polizei kaum
noch zu durchdringen
sind. Sie leben nach eigenen Gesetzen und üben gnadenlose
Selbstjustiz.
Der Bericht der Kommission Organisierte Kriminalität, die aus den
Chefs der entsprechenden Polizeiabteilungen von Bund und Ländern
besteht, ist in mehrfacher Hinsicht politisch unbequem: Er warnt, dass
mafiose Ethno-Clans nicht mehr zu kontrollieren seien, er kritisiert
das Scheitern jeglicher Integrationsbemühungen für diese
Gruppen, und er attackiert die deutsche Justiz: Die habe, in falsch
verstandener Toleranz, die Entwicklung befördert.
Mehrfach hat der Kommissionsvorsitzende Max-Peter Ratzel,
Abteilungspräsident im Bundeskriminalamt und Aspirant für den
Chefposten bei Europol in Den Haag, den Bericht entschärft, wirkte
er doch politisch oft unkorrekt. Aber selbst die Schlussfassung klingt
noch alarmierend genug. "Ethnisch abgeschottete Subkulturen",
heißt es dort, hätten sich "unter erheblichem Missbrauch der
vorhandenen Schwachstellen des bundesdeutschen Ausländer- und
Asylrechts bereits fest etabliert". Die Zerschlagung solcher
krimineller Strukturen werde "nur noch in Teilbereichen" möglich
sein. Und das auch nur bei Zusammenarbeit "aller mit der Thematik
befassten Behörden, justizieller Unterstützung und dem Ausbau
kriminaltaktischer Ermittlungsmaßnahmen". Doch genau daran,
klagen die Kriminalisten, hapere es allenthalben.
Zwar befasst sich das 147-seitige Papier ausschließlich mit der
Glaubensgemeinschaft der Jesiden, deren Mitglieder meist aus der
Türkei stammen, sowie mit den so genannten Mhallamiye-Kurden,
überwiegend aus dem Libanon. Die Erkenntnisse seien aber, so ein
Kommissionsmitglied, "auch auf andere Gruppen übertragbar" - etwa
auf Albaner oder Aussiedler aus Kasachstan.
Rund 30 000 Jesiden leben in Deutschland, vor allem in Niedersachsen
und Nordrhein-Westfalen, aber auch in Berlin und Bremen. Mehr als 15
000 libanesische Kurden kamen allein zwischen 1985 und 1990 nach
Deutschland, ihre Zahl dürfte heute doppelt so hoch sein. Statt
sich einzugliedern, bildeten Jesiden und Kurden oft ihre "heimatlichen
Dorfstrukturen" nach, so der Bericht. Sie kapseln sich ab, viele von
ihnen sind Analphabeten. Streitfälle regeln eigene Friedensrichter.
Die Isolation der Minderheiten, so der Bericht an die Innenminister,
werde vom deutschen Recht noch gefördert. Da beispielsweise
Asylbewerber von der Arbeit ausgeschlossen sind, leben sie
überwiegend von sozialer Unterstützung - was die Abschottung
verstärkt. Während etwa türkische Gastarbeiter
zwangsläufig mit deutschen Kollegen in Berührung kommen,
werden Jesiden und Libanon-Kurden durch das Arbeitsverbot an der
Eingliederung gehindert.
Das wird zu einem besonderen Problem, wenn Familien-Clans am Wohlstand
des Gastlandes teilhaben wollen. Manche dieser Großfamilien sind
inzwischen im Milieu gefürchtet. Sie handeln mit Heroin, kassieren
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in Bordellen oder sind im Schleusergeschäft aktiv.
Ermittlungsansätze bieten sich vielfach erst, wenn die Clans sich
in die Quere kommen.
Dennoch gelingt es der Polizei kaum, die Strukturen zu durchdringen.
"Hat sich in ein Ermittlungsverfahren erst einmal der Friedensrichter
eingeschaltet, sind weitere Aussagen der streitenden Parteien bei der
Polizei nicht mehr zu erwarten", heißt es resignierend in dem
Expertenbericht. Doch auch Friedensrichter, häufig nichts anderes
als Clan-Chefs, leben gefährlich, wie die Erschießung von
Bassam A. zeigt. Der Streitschlichter eines libanesischen Clans wurde
am 20. Oktober in Berlin mit mehreren Schüssen regelrecht
hingerichtet - Täter unbekannt.
Vor allem die oft blutige Selbstjustiz innerhalb der Gruppen beunruhigt
die Experten. So rechnet die Polizei allein in Niedersachsen zwischen
1998 und 2003 mindestens 15 von 42 Tötungsdelikten im
türkisch-kurdischen Milieu den Jesiden zu. Der spektakulärste
Fall war der so genannte Bunkermord in Bremen: Dort wurde 1999 das
Liebespaar Ayse D. und Serif A. getötet, weil Ayses Vater die
Beziehung nicht passte (SPIEGEL 31/2000).
Das Landgericht Bremen aber verurteilte die Täter zunächst
nur wegen Totschlags, nicht wegen Mordes. "Nach den archaischen Sitten-
und Wertvorstellungen" der Täter und Opfer, so die Richter, sei
die Tötung "erlaubt" gewesen. Der Bundesgerichtshof hob das Urteil
auf, doch auch bei der Neuverhandlung blieb es wegen der
"Erziehungstradition ihres Volkes" beim Totschlag.
Derartiges Verständnis deutscher Richter für Werte des
frühen Mittelalters habe die Eingliederung weiter erschwert.
"Verhältnismäßig milde", so der Kriminalistenbericht,
urteilten Richter selbst bei Bedrohungen und Einschüchterungen in
den "ethnisch abgeschotteten Subkulturen". Immer wieder akzeptieren
deutsche Richter auch die dort herrschenden ganz eigenen Gesetze: So
schlug das Landgericht Lüneburg im November 2003 bei einem Streit
um ein Brautgeld für eine junge Jesidin in Höhe von 45 000
Euro einen Vergleich zwischen den Parteien vor. Damit tolerierten die
Richter quasi, dass die Frau verkauft wurde.
Selbst Zweit- und Drittfrauen genießen Aufenthaltsrecht mit der
Begründung, dergleichen sei eben Sitte in der Heimat. So billigte
das Oberverwaltungsgericht Rheinland-Pfalz unlängst der Zweitfrau
eines Irakers ein Aufenthaltsrecht zu. Schließlich sei es
unzumutbar, die Frau aus der "hier gelebten Lebensgemeinschaft"
herauszulösen.
Zwar drängt Bundesinnenminister Otto Schily die Länder,
verurteilte Straftäter konsequent abzuschieben, doch
tatsächlich gelingt das bei Jesiden und Mhallamiye-Kurden nur in
seltenen Fällen. Erstmals wurde Ende November ein kriminelles
Mitglied des Z.-Clans aus der Berliner Haftanstalt Tegel in die
Türkei geflogen. Möglich war das, weil es der
Ermittlungsgruppe "Ident" gelungen war, die wahre Identität des
20-jährigen Gewaltverbrechers zu ermitteln.
Denn Angehörige der Jesiden oder Libanon-Kurden sind häufig
als staatenlos registriert oder eingebürgert. Manche werfen bei
der Einreise ihre Pässe weg, um die Staatsangehörigkeit zu
verschleiern und die Ausweisung zu verhindern. In Berlin etwa
übersteige die "Aufnahme unerlaubt Einreisender die der
Asylsuchenden" um mehr als das Doppelte, so der Bericht. Von den knapp
7000 zwischen 2002 und 2003 illegal Eingereisten stammen mindestens 780
aus dem Libanon. Sie stellten, heißt es in der Analyse, oft
"keinen Asylantrag, weil sie der Verteilung" auf die Bundesländer
entgehen wollen - ohne Pass werden sie geduldet und dürfen bei
ihren Landsleuten bleiben. Die so entstandene "Ghettoisierung
bestimmter ethnischer Gruppen" habe eine "Eigendynamik entwickelt", die
"verstärkt Sogwirkung entfaltet".
Für deutsche Jugendliche in Vierteln, die von ethnischen Banden
beherrscht werden, ist die Lage nach Ansicht der Kripo-Experten bereits
dramatisch geworden. Deren Rückzug in die Defensive werde als
Schwäche empfunden, bedeute damit Ehrverlust - und Gefahr: Die
Zahl deutscher Jugendlicher, die nur deshalb zusammengeschlagen oder
ausgeraubt werden, weil sie ein leichtes Opfer darstellen, sei in
"ethnisch dominierten Problemkiezen erheblich".
Die Schwäche der Deutschen lässt sich in der Statistik
ablesen: So haben bei den Handy-Raubdelikten in Berlin mehr als 50
Prozent der Täter einen türkisch-libanesischen Hintergrund,
die Opfer waren zu mehr als 80 Prozent Deutsche.
Die ersten jungen Deutschen hätten sich, so warnen die Experten,
bereits den Ethno-Banden angeschlossen. Deren "rudimentären
deutsch-türkisch-arabischen Sprachgebrauch" beherrschten sie
bereits.
ANDREAS ULRICH